Sollen Kinder und Jugendliche unkontrolliert das eigene Handy benutzen, um in sozialen Medien zu chatten, Computerspiele zu spielen und jederzeit online zu sein? Die Folgen sind dramatisch: Konzentrations- und Lernschwierigkeiten, Schlafstörungen, Mobbing, Mediensucht. Gesundheitliche Probleme sind die Folge.

Was sagt die Statistik über die Nutzungsdauer digitaler Medien wie z.B. Computerspiele und Handykonsum?

Digitale Medien gehören zu den beliebtesten Geschenken.
10% der 3 Jährigen benutzt bereits das Internet.
20% der 6-7jährigen besitzt ein Smartphone
57% der 10-11jährigen
85% der 12-13jährigen
70% der ab 13jährigen haben einen eigenen internetfähigen Fernseher im Zimmer.
Ab dem 10. Lebensjahr verbringen ~ 98% aller Kinder und Jugendlichen täglich 160-230 Minuten online mit digitalen Medien. Computerspiele und Chatten gehören zu dem zeitraubenden Unterhaltungsprogramm. Die meisten trifft man bei Facebook oder in WhatsApp-Gruppen. Ab dem 13. Lebensjahr dürfen sie nichts verpassen, müssen ihr virtuelles Leben retten, um zügig zu „leveln“ und in der Highscore-Tabelle oben zu stehen.

Das reduziert die Zeit für non-mediale Freizeitaktivitäten, wie Sport, Musik oder gar für Hausaufgaben oder Vertiefung von Erlerntem auf ein Minimum.

BITKOM „Bundesverband Informationswissenschaft, Telekommunikation und neue Medien“

JIM Studie 2017 : Jugend, Information, (Multi)Media https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2017/JIM_2017.pdf

 

Was bewirkt das Handy neben den Computerspielen in dem Gehirn von Menschen?

Kinder und Jugendliche trainieren sich eine Aufmerksamkeitsstörung durch den Gebrauch von Handys und Computerspielen systematisch an, weil ihr Gehirn lernt, dass jeder Reiz von außen (Handy o.ä.) so wichtig ist, dass sie jederzeit darauf reagieren müssen. Das ist ein wesentlicher Auslöser von Stress. Chronischer Stress führt zum Absterben von Nervenzellen und somit wachsen weniger Neuronen nach.  Es kommt zu Beeinträchtigungen der Konzentration und des Gedächtnisses.

Sie kommen nicht mehr in den sogenannten Flow, weil ein Großteil ihrer Wahrnehmung damit beschäftigt ist, nichts zu verpassen. Sogenannte Multitasker können ablenkende äußere Reize der Umgebung schlechter ignorieren.  Sie sind dadurch deutlich ablenkbarer.

Eine interessante Studie der Stanford-Universität kommt zu dem Ergebnis: Nicht-Multitasker konnten alle Aufgaben gut lösen, egal wie viel zusätzliche Ablenkreize vorhanden waren.

Bei den Multitaskern hingegen ging die Leistung mit der zunehmenden Anzahl der Ablenkreize zurück und sie brauchten deutlich länger. Multitasker schneiden in den Prüfungsergebnissen schlechter ab.

Außerdem hat die blaue Strahlung von Tablets, Handys usw. eine anregende Wirkung auf unser Gehirn. Das bedeutet, dass das Gehirn gerade abends nicht runterfahren kann was das Einschlafen erschwert. Vibriert dann das Handy neben einem oder leuchtet auf, wird man sofort wieder hell wach.

 

Wie entsteht die Sucht, Computerspiele zu spielen?

Tief im Gehirn sitzt eine Ansammlung von Nervenzellen, die für Glücksgefühle zuständig sind. Diese Zellen werden aktiviert, wenn etwas unerwartetes Positives geschieht. (Dopamin-Endorphine).

Alle süchtig machenden Stoffe: Kokain, Heroin, Alkohol, Nikotin sprechen dieses Zentrum an. Sucht entsteht im Gehirn als ein fehlgesteuertes Belohnungssystem. Das gleiche Zentrum sprechen die digitalen Medien an.

Als Folge wächst der innere Schweinehund, sich vom Handy oder den Computerspielen abzuwenden. Der „Ich will nicht“, der „Ich kann nicht“, der „Ich hab keine Lust“… werden immer größer und mächtiger.

Sie verhindern das Erfahren von Selbstwirksamkeit, die Entwicklung von Durchhaltevermögen und senken die Frustrationstoleranz. Folglich wird diese wichtige Grundausstattung für die menschliche Entwicklung nicht genügend ausgebildet.

 

Welche sinnvollen Alternativen kann den Computerspielen entgegengesetzt werden?

Die Beschäftigung mit Sport, Musik, Pfadfindern, Jugendgruppen der Feuerwehr, Malteser, Johanniter, Rotes Kreuz u.a. oder anderen Freizeitbeschäftigungen wie z.B. Wandern mit dem DAV, Parcouring, Wafeboard o.ä. reduzieren die Zeit, die Kinder und Jugendliche mit dem Handy oder Computerspielen verbringen.

Hierbei werden wichtige andere Erfahrungen gefördert. Nebenbei wird der  Ausbau verschiedener anderer Gehirnareale, vernetztes Denken, Lernen in anderem Umfeld und Freude, vertieftes Lernen durch verschiedene Wahrnehmungskanäle eingeleitet. Dies bildet die Persönlichkeit aus, lässt andere Talente sich entfalten und gibt den Kindern und Jugendlichen zusätzlich Halt.

 

Warum braucht es klare Regeln, um die Nebenwirkungen der Computerspiele und der übermäßigen Handynutzung zu reduzieren?

Im Umgang mit digitalen Medien lernen Kinder und Jugendliche keine Frustrationstoleranz, kein Durchhaltevermögen, keine Selbstkontrolle oder Verhaltenskontrolle. Die Computerspiele sind so angelegt, dass man online bleibt, um die Gruppe nicht zu enttäuschen oder weiter höher zu leveln. Auch in der Whatsapp-Gruppe fällt es unangenehm auf, wenn man nicht teilt und kommentiert. Man möchte möglichst viele likes auf sich ziehen. Das heißt, dass die Exekutiven Funktionen des Gehirns verkümmern bzw. gar nicht ausgebildet werden. Diese nämlich Frustrationstoleranz, Durchhaltevermögen, Selbst- und Verhaltenskontrolle sind aber wichtige Grundlagen für den schulischen Lernerfolg, für eine gesunde sozial-emotionale kindliche Entwicklung und eine stabile Ausbildung der eigene Psyche und Persönlichkeit.

Durch ihre kognitive  Kontrolle bieten Exekutive Funktionen die Grundlage

  • das eigene Verhalten zu steuern,
  • Handlungen zu  reflektieren und Selbstdisziplin zu üben
  • Entscheidungen zu finden bzw. zu planen
  • eigenständig Probleme zu erkennen, zu lösen und umzusetzen und dranzubleiben.

 

Empirische Forschungen zeigen, dass gerade exekutive Funktionen als besonders wichtige Faktoren für Schulerfolg gelten. Sie sind sogar bedeutsamer als der IQ.

 

 

Welche Regeln haben sich bewährt, um die Handynutzung und das Computerspielverhalten in sinnvolle Bahnen zu lenken?

  • Kein Handy vor und während der Hausaufgaben, auch nicht lautlos! Handy aus dem Zimmer bei den Hausaufgaben!
  • Handy und PC usw. nicht im Schlafzimmer
  • Keine Mediennutzung in der Stunde /abends vor dem Schlafen
  • Keine Computerspiele nach 18.00 Uhr (altersabhängig)
  • Technische Beschränkung des Internetzugangs
  • Altersentsprechende Kontingente (Medienkontingente)
  • Kein Handy usw. bei den gemeinsamen Mahlzeiten und Aktivitäten

 

Fazit:

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser! Alternativen zu Computerspielen schaffen!

Setzen Sie feste Regeln und Kontingente durch zum Vorteil der Kinder und der familiären Gemeinschaft. Eltern sollten für Kinder ein Vorbild sein und selber auch klare Medienregeln einhalten. Alternative Beschäftigungen, feste gemeinsame Essenszeiten sowie Rituale vor dem Schlafen ermöglichen schöne, verbindende Erlebnisse und Kommunikation.

 

Quellen:

BITKOM „Bundesverband Informationswissenschaft, Telekommunikation und neue Medien“

JIM Studie 2017 : Jugend, Information, (Multi)Media https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2017/JIM_2017.pdf

 

Fotos:

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